Jun 23, 2013

Rapider Personalschwund


(MOZ) Brandenburgs freiwillige Feuerwehr plagen weiterhin Personalsorgen. "Wir müssen furchtbar aufpassen", sagt der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes, Manfred Gerdes. Zumindest der Kinder- und Nachwuchsbereich lässt hoffen. Ende 2012 waren hier knapp 12 000 Mitglieder registriert. Tendenz leicht steigend.
Kategorie: Allgemein
Erstellt von: Justus T.

Ein wenig neidisch schaut Feuerwehrpräsident Gerdes schon auf seine Nachwuchsabteilung. Innerhalb von vier Jahren kletterte dort die Mitgliederzahl von knapp 11 000 auf jetzt 12 000 - 33 Prozent sind junge Mädchen. Mühsam hat sich die Landesjugendfeuerwehr nach dem Tiefpunkt 2007 aus der Talsohle herausgearbeitet - entgegen allen demografischen Trends. "Bei den Erwachsenen ist es eher umgedreht - wir haben innerhalb eines Jahres über 1000 Einsatzkräfte verloren", klagt Gerdes. Es falle zunehmend schwer, die 18- bis 30-Jährigen für die Feuerwehr zu begeistern. "Die Sicherheit der Bürger ist aber gegeben", beruhigt der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes. Noch.

Die steigende Begeisterung junger Leute für die Feuerwehr versetzt André Ragohs nur ein wenig in Euphorie. Der Landesjugendfeuerwehrwart ist im Landkreis Ostprignitz-Ruppin zuhause und weiß, dass die Freude nur von kurzer Dauer ist: Im eigentlichen Ziel, der Einsatzabteilung, die im Ernstfall ausrückt, landen letztlich nur drei von zehn Jugendliche, bedauert Ragohs. Nach dem Schulabschluss verschlägt es die meisten seiner Nachwuchskräfte durch Studium oder Beruf in die weite Welt. "Die Absprungquote ist einfach zu hoch", sagt Ragohs.

Dabei bemüht sich der Verband redlich. "Früh übt sich" schimpft sich eine Kampagne, die 2007 aus der Not heraus geboren worden ist. Mit Werbung an Schulbussen, ja selbst mit Kinospots versucht der Verband, frische Kräfte zu ködern. "Über die Kinderfeuerwehr versuchen wir sogar Sechs- bis Achtjährige spielerisch an uns zu binden", erzählt Ragohs. In der letzten Ferienwoche, Ende Juli, werden rund 600 Teilnehmer beim Landesjugendlager in Bagenz am Spremberger See erwartet. "Spree-Enten-Camp" nennt sich das Treffen. Nach Aussagen von Gerd Rademacher, jugendpolitischer Sprecher des Verbandes, soll es in dem Zeltlager um Spiel, Spaß, Spannung, Sport und Workshops zu Themen wie Demokratie und Zirkus gehen, aber nicht um die Feuerwehr. "Wir machen das ganze Jahr über Ausbildung, hier ist die Feuerwehr kein Thema", erzählt er. Wenn es nach ihm geht, hat diese Strategie auch im Alltag Zukunft. Feuerwehr ist mehr als nur Schläuche und Hydranten. "Wir machen Jugendarbeit", sagt Rademacher.

Das Innenministerium des Landes unterstützt mit Lottomitteln all die Bemühungen, den Nachwuchs bei der Stange zu halten. Im vergangenen Jahr waren es 230 000 Euro, 2013 sind es nach Angaben von Ministeriumssprecher Ingo Decker knapp 20 000 Euro weniger. Immerhin werde der größte Teil der dem Innenministerium von Finanzminister Helmuth Markov (Linke) zugewiesenen Lottomittel für die Unterstützung der Jugendarbeit von Feuerwehren und Hilfsorganisationen eingesetzt - damit die neue Mitglieder werben können, Schulungsmaterial und Bekleidung wie Feuerwehr-Parkas und T-Shirts beschaffen und Zeltlager wie das in Bagenz organisieren können.

"Wir müssen darüber nachdenken, wie man die ehrenamtliche Arbeit attraktiv macht", sagt Rademacher. An umsetzbaren Ideen mangelt es nicht. Einige Ämter als Träger des Brandschutzes würden ihrem Nachwuchs zum Lkw-Führerschein verhelfen - und ihnen vorher die Verpflichtung abnehmen, die nächsten fünf bis sechs Jahre der Wehr als Maschinist zur Verfügung zu stehen. Der Landesjugendfeuerwehrverband kooperiert bereits mit der Handwerkskammer, denn die hat ähnliche Probleme: Berufe wie Fleischer, Tischler und Bäcker drohen auszusterben. "Wir werden immer weniger und müssen die Leute mobilisieren", fordert der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes. Längst gehöre bei den Löschkräften der Spruch "Einmal Feuerwehr, immer Feuerwehr" der Vergangenheit an. "Inzwischen verlieren wir auch die 30- bis 40-Jährigen", bedauert Gerdes. Da tröstet ihn wenig, dass andere Bundesländer noch schlechter da stehen als Brandenburg. Die positiven Ansätze beim Nachwuchs seien immerhin ein Erfolg, "den wir auskosten müssen".

Gerdes mag wie beim Hochwasser keine Panikmache, doch er weiß, dass den Freiwilligen ein rapider Personalschwund bevorsteht. "Die personelle Ausstattung ist grenzwertig", urteilt Gerd Rademacher aus Eisenhüttenstadt (Oder-Spree), wo die Nachwuchsabteilung zu Hoch-Zeiten mal 85 Mitglieder zählte - heute sind es noch 50. Das Problem sei, betont Rademacher, dass die Zahl der Einsätze nicht abnehme, aber Leute fehlen würden, die das stemmen könnten. "Und den fahrenden Löschautomaten, den gibt es noch nicht", sagt er.

Quelle: Märkische Oderzeitung, 20.Juni 2013, geschrieben von Andreas Wendt

http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1164319

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